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Kurt Estermann


Die Reinisch-Orgel von 1894 in der Basilika Wilten in Innsbruck



Als Abschluss der Innenrestaurierung der Basilika Wilten wurde im Oktober 2003 die Restaurierung der ebenso bedeutenden Denkmalorgel vollendet.
Die von 1751 bis 1756 nach Plänen des geistlichen Baudirektors Franz de Paula Penz erbaute Rokokokirche Basilika Wilten (Bild 10 / Basilika Wilten, Innsbruck, Blick nach Süden) erhielt 1758 ein Orgelwerk von Anton Fuchs I (1711-1794 / Gries am Brenner), das immer noch bestehende Orgelgehäuse erstellte dabei der Tischler Franz Zängl.
Bereits im gotischen Vorgängerbau der Kirche war zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine, im Chor aufgestellte, Orgel nachweisbar, 1728 ist mit der Anschaffung einer Orgel der Name Hans Carl Engelhardt genannt.
Im Jahr 1838 erneuerte Johann Georg Gröber (1775-1849 / Innsbruck), wohl im Zusammenhang mit dem Neubau der großen Orgel der Stiftskirche Wilten (1838/39), das Orgelwerk in der Basilika.

Franz Reinisch II (1840-1921 / Steinach am Brenner) erstellte schließlich im Jahr 1894
(Bild 11 / Aus dem Inventarium über Musikalien, Instrumente und Utensilien des Pfarr- und
Stiftschores Wilten), teilweise wieder mit Pfeifenmaterial aus Vorgängerinstrumenten, das auf uns gekommene Orgelwerk. Es präsentiert sich als ein sehr gut erhaltenes Klangdenkmal aus dem späten 19. Jahrhundert. Es ist das zweite größere Orgelwerk dieses Orgelbauers in der damals neuen Kegelwindladentechnik mit Barkerhebeln in der Spieltraktur des ersten Manuals. Ähnliche Instrumente baute Franz Reinisch 1892 für den jetzigen Innsbrucker Dom St. Jakob, dieses Orgelwerk befindet sich heute beinahe unverändert in der Höttinger Pfarrkirche in Innsbruck, und 1895 für die Pfarrkirche St. Pauls bei Eppan in Südtirol, das 1998 im Sinne des ursprünglichen Zustandes restauriert wurde.

Die Spielanlage der Orgel in der Basilika Wilten befand sich 1758 zunächst am Hauptgehäuse, Franz Reinisch stellte 1894 einen Spieltisch (Bild 12 / Spieltisch der Reinisch-Orgel), mit Blickrichtung zum Hochaltar, vor die Orgel. Gleichzeitig wurde dazu die Empore, unmittelbar vor dem Spieltisch, in Form einer ovalen Ausbuchtung zur Platzgewinnung leicht erweitert.

Das verbliebene alte Rokokogehäuse beherbergt die beiden Hauptwerksladen (Manual I) in
C / Cis Teilung, im Orgelfuß ist das Unterwerk (Manual II) in Pyramidenform (Bild 13 / Innenansicht der Reinisch-Orgel: im Vordergrund Pfeifen des II. Manuals links Pfeifen des I. Manuals) aufgestellt. Das der romantischen Auffassung entsprechend ausgebaute Pedalwerk mit sechs Registern, davon vier 16´ , fand auf gleichem Niveau wie die Unterwerkslade hinter dem Rokokogehäuse in einem neuen Anbau Aufstellung. Unterwerk und Pedalwerk werden rein mechanisch angespielt, die Barkermaschine für das Hauptwerk befindet sich hinter der Orgelbank unmittelbar vor der Unterwerkslade. Der entsprechend groß dimensionierte Kastenbalg, der Winddruck beträgt immerhin WS 90 mm, ist auf der Empore rechts neben der Schauseite in einem eigenen Kasten untergebracht.

Die 1987 begonnene Innenrestaurierung der Basilika Wilten legte die Überarbeitung der Orgel nahe: teilweise zentimeterdicker Staub, durchsetzt mit Mörtel- und Stuckteilchen, Verschmutzung, undichte Blasbälge, altersbedingte Abnützung und letztendlich Holzwurmbefall setzten den Handlungsbedarf. Dabei war die Frage zu klären, ob die Mitte des 20. Jahrhunderts entsprechend dem Zeitgeschmack vorgenommenen Veränderungen der Disposition wieder rückgeführt werden sollten: blieb das Hauptwerk, bemerkenswerterweise sogar mit dem originalen Principal-Prospekt, bis heute komplett erhalten, wurden im Unterwerk drei Register, im Pedalwerk ein Register abgeändert. Aeoline 8´ wurde zu Principal 4´, Fugara 4´ zu Oktave 2´ abgeschnitten, das Register Flauto 8´ gänzlich durch eine angepasste, vierfache Mixtur ersetzt. Im Pedal musste das ebenfalls abgeschnittene Cello 8´ die Funktion einer Oktave 4´ übernehmen. Da bis auf das Flauto 8´ alles ursprüngliche Registermaterial vorhanden war, fiel die Entscheidung zu Gunsten einer umfassenden Rückführung auf den Zustand von 1894 aus (Bild 14 / Innenansicht der Reinisch-Orgel: Pfeifen des Unterwerks (II. Manual) und Wellenbrett des Hauptwerks, im Hintergrund einige Pedalpfeifen (Violon 16´)).
Aeoline und Fugara sind nun mit einer entsprechenden Zinnlegierung, das Cello 8´ mit gleichem Zink angelängt und wieder den ursprünglichen Rollbärten versehen. Das verlorene Register Flauto 8´ wurde nach der Flauto amabile 8´ der sich in der Höttinger Pfarrkirche befindlichen Reinisch-Orgel von 1892 kopiert und mit einem neuen Rasterbrett an die ursprüngliche Stelle rückversetzt.


Die Orgel hat nun, wie schon 1894, nachstehende Disposition:

I. Manual C - f 3 / 54 Töne
Bordun 16´
Principal 8´
Principal piano 8´
Gedeckt 8´
Gamba 8´
Salicional 8´
Oktav 4´
Spitzflöte 4´
Kornet 5-fach 2 2/3´
Mixtur 5-fach 2´
Trompete 8´



II. Manual C - f 3 / 54 Töne
Geigenprincipal 8´
Gedeckt 8´
Dolce 8´
Flauto 8´
Aeoline 8´
Rohrflöte 4´
Fugara 4´



Pedal C - d1 / 27 Töne
Subbaß 16´
Flötenbaß 16´
Violon 16´
Oktavbaß 8´
Cello 8´
Posaune 16´


Kegelwindladentechnik
Barkerhebel in der Spieltraktur des I. Manuals
Pedal und II. Manual mechanische Spieltraktur


Koppeln:
II. Manual zu I. Manual
I. Manual zu Pedal
II. Manual zu Pedal


Feste Kombinationen:
ff, f, mf, Auslöser


Stimmtonhöhe a1 = 442 Hz bei 18° C
Winddruck WS = 90 mm
leicht ungleichschwebende Temperatur



Die Holzpfeifen, besonders der Flötenbaß 16´ - bereits 1977 waren hier Maßnahmen notwendig gewesen - wurden gegen Holzwurmbefall behandelt, die sehr ausgespielten Trakturen und Wellaturen entsprechend in Stand gesetzt, die Barkermaschine neu beledert.
Bei den Metallpfeifen fielen besonders einige tiefe Pfeifen der Oktave 4´ auf, die mit je drei Zierwarzen ober- und unterhalb des Eselsrückenlabiums versehen sind (Bild 15 / frühere Prospektpfeifen von Daniel Herz, jetzt im Register Oktave 4´ verwendet). Sie waren ursprünglich Prospektpfeifen eines Vorgängerinstruments. Der Vergleich der Mensuren dieser Pfeifen, wie der Inskriptionen mit jenen der Daniel Herz-Orgel in der Stiftskirche Wilten, bestätigt die Übereinstimmung dieses Pfeifenmaterials, vom selben Orgelbauer Daniel Herz zu stammen. Ebenso interessant erweisen sich die Pfeifen der Mixtur. Eine genauere Dokumentation und Publikation wird darüber weitere Aufschlüsse geben.
Die Metallpfeifen wurden ausgebeult und die Stimmrollen gerichtet. Die auf Tonlänge geschnittenen Pfeifen, Spitzflöte 4´ und Mixtur, an den verschlagenen Mündungen restauriert.
Bei den Zungenstimmen, Trompete 8´ und Posaune 16´ , wurden die Stimmkrücken revidiert, ansonsten verblieben die Zungenstimmen in ihrem originalen Zustand.


Die Arbeiten an den schadhaften Schnitzereien, die Vergoldung und Fassung des Gehäuses führte die Firma Wehinger aus Pettnau durch. Der mittig vorgewölbte, durch Pilaster in fünf Abschnitte geteilte Prospekt, mit Schleierwerk aus Akanthus, Gitter und Rocaillen reich dekoriert, erstrahlt nun wieder in ursprünglichem Glanz (Bild 16 / Prospekt der Reinisch-Orgel).
Die behutsame Restaurierung des Orgelwerks war Orgelbau Pirchner / Steinach am Brenner anvertraut. Diese Orgelbauwerkstätte kann auf eine lange Tradition zurückblicken, trat sie doch unmittelbar die Nachfolge von Reinisch-Orgelbau an.

Prof. Egon Krauss schrieb 1977 über das Instrument der Basilika Wilten: „Die Orgel ist mit ihrem Pfeifenwerk aus sehr gutem Material gebaut. Der Klang entspricht der romantischen Auffassung der Erbauungszeit. Die Intonation muß als in diesem Sinne vorzüglich bezeichnet werden. Das gute Pfeifenmaterial mit der für die Kegelladen richtigen Pfeifenbauweise mit Expressions-Stimmschlitzen, stempelt diese Orgel als ein typisches Denkmal ihrer Zeit, das eine heute fast nicht mehr bekannte Klangwelt erschließen kann.“
Umso mehr reiht sich nun in erneuerter alter Klangpracht die Orgel der Basilika Wilten in den historischen Orgelschatz der Orgelstadt Innsbruck ein, der neben den Instrumenten aus dem 16. bis 18. Jahrhundert, jetzt auch wieder ein hervorragend restauriertes Instrument aus dem späten 19. Jahrhundert aufweist.

Als Band 5 der Schriftenreihe „Tiroler Orgelschatz“ wird dazu ein detailliertes Fachbuch mit zahlreichen Abbildungen und technischen Zeichnungen erscheinen.